Prof. Dr. Christoph Weber zu möglichen Auswirkungen der Finanzkrise auf die Energiewirtschaft
Herr Professor Weber, wirkt sich nach Ihrer Einschätzung die Finanzkrise auf die Energiewirtschaft aus und wenn ja, wie?
Es sind unterschiedliche Auswirkungen der Finanzkrise auf die Energiewirtschaft denkbar und teilweise auch bereits beobachtbar. Zum einen führt der Vertrauensverlust an den internationalen Märkten dazu, dass auch bei Energiehandelsgeschäften verstärkt auf die Clearing- und Absicherungsinstrumente der Börsen zurückgegriffen wird. Die eingetrübten Konjunkturaussichten weltweit führen zu einem Rückgang der Öl- und Kohlepreise und damit indirekt auch der Gas- und Strompreise. Zudem reduziert die nachlassende Konjunktur auch unmittelbar die Energienachfrage in Deutschland, dies erfolgt aber nicht im Verhältnis eins zu eins. Eher würde ich davon ausgehen, dass ein Wachstumsrückgang um 1,5 % die Energienachfrage um max. 0,5 % dämpft.
Eine weitere Auswirkung der Finanzkrise ist, dass die Finanzierung von Übernahmen schwieriger wird und dementsprechend ist auch eine Zurückhaltung bei Mega-Fusionen in den kommenden Monaten und Jahren zu erwarten. All diese Auswirkungen sollten aber nicht dramatisch ausfallen, da die Fundamentaldaten der Energiewirtschaft nicht sehr konjunkturabhängig sind.
Halten Sie Forderungen bzw. Aktivitäten zur Verschiebung von Klimaschutzanstrengungen in diesem Zusammenhang für gerechtfertigt?
Eine Forderung nach Aufschub von Klimaschutzanstrengungen ist aus der Perspektive von Industrieunternehmen nachvollziehbar, da damit eine potenzielle zusätzliche Kostenquelle reduziert wird. Dennoch halte ich es für problematisch, wenn langfristige Umweltziele aus kurzfristigen Konjunkturerwägungen zur Disposition gestellt würden. Dies würde die Glaubwürdigkeit der deutschen und europäischen Politik bei heimischen Unternehmen und internationalen Partnern in Frage stellen. Die deutsche Regierung plant ja nun eher Schritte in die umgekehrte Richtung zu gehen ? die staatliche Förderung von Investitionen in den Klimaschutz als Teil eines Konjunkturprogramms.
Sehen Sie Auswirkungen der Finanzkrise auf das Investitionsverhalten der deutschen beziehungsweise europäischen Energieversorgungsunternehmen?
Wie bereits erwähnt erwarte ich einen Rückgang fremdfinanzierter Übernahmen in der Energiewirtschaft. Aufgrund des hohen Bestands an liquiden Mitteln bei den großen Energieunternehmen ist aber hier kein dramatischer Einbruch zu erwarten. Ähnliches gilt für Kraftwerks- und andere Anlageninvestitionen. Hier werden sicherlich einige Entscheidungen ?in der Pipeline? nochmals genauer hinsichtlich ihrer Wirtschaftlichkeit geprüft werden, aber angesichts des massiven Erneuerungsbedarfs bei Kraftwerken erwarte ich hier auch im Wesentlichen eine Fortführung bisheriger Planungen.
Wird sich der Ausbau der Erneuerbaren durch die Finanzkrise verlangsamen?
Bislang stammt ein erheblicher Anteil der finanziellen Mittel zum Ausbau der Erneuerbaren von privaten Investoren. Diese suchen in der Krise verstärkt nach sicheren Anlageformen. Solange die Projektentwickler und -investoren bei Erneuerbaren glaubhaft darstellen können, dass die Erträge aus ihren Anlagen nicht von der Finanzkrise betroffen sind, solange sollte das Interesse der Privatinvestoren eher zu- als abnehmen. Dem wirkt entgegen, dass auch die Projektentwickler auf Fremdkapital angewiesen sind, das schwieriger zu beschaffen sein wird, bis hin zur Möglichkeit, dass auch Projektentwickler selbst in finanzielle Schwierigkeiten geraten könnten. Hinzu kommt, dass die großen Energieunternehmen, die zunehmend Geld in Projekte im Bereich Erneuerbare reinstecken, diese Projekte ebenso wieder auf den Prüfstand stellen werden wie andere Projekte auch. Da aber die Vergütungen, zumindest in Deutschland, unabhängig von den Marktpreisen sind, sollten die Marktpreisveränderungen der letzten Wochen und Monate keine größeren Auswirkungen auf Investitionsprojekte bei Erneuerbaren Energien haben.
Prof. Dr. Christoph Weber (geb. 1964) studierte Maschinenbau mit dem Schwerpunkt Energietechnik an der Universität Stuttgart und war anschließend zwei Jahre in der Entwicklungshilfe in Kamerun tätig. Von 1991 bis 2004 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Energiewirtschaft und Rationelle Energieanwendung (IER) der Universität Stuttgart, wo er nach seiner Promotion ab Frühjahr 1999 die Abteilung Energieanwendung und Energiemanagement leitete. 2004 habilitierte sich Professor Weber zum Thema "Models for decision support under uncertainty in the electricity industry". Seit Oktober 2004 ist Weber Professor am Lehrstuhl für Energiewirtschaft an der Universität Duisburg-Essen.
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